Phenunka thei – der Feind ist geschlagen

Blutrot versinkt die Sonne über dem Wasser als Mewu und die Jäger in ihre Boote steigen. Sehr bald wird es dunkel sein und nur noch das Leuchten der Tinhae, großer treibender Schwärme winziger Lebewesen, wird ein diffuses Licht erzeugen. Der Manjuari ist es, den sie erlegen wollen. Der große Jäger wird heute selbst zum Gejagten werden, während er im Licht der Tinhae kleinere Fische jagt.

In der Lagune liegt das Wasser glatt und klar. Unter der Oberfläche sieht man dann und wann den Schatten eines Fischs entlangziehen, aber noch spiegelt sich der helle Himmel in der Wasseroberfläche. Doch in wenigen Augenblicken wird es so weit sein und man wird die Beute unter dem Wasserspiegel erkennen können.

Sie erreichen die alten Jagdreviere, wo sich die Tinhae seit dalloaligedenken zum Liebesspiel treffen. Mewu murmelt einen Gruß an die Mutter und taucht seine Hand kurz in das Wasser. Hell erleuchtet sind seine Finger und kleine Partikel tanzen um seine Fingerkuppen. Es ist verführerisch. Schon oft träumte er davon mit seiner Geliebten in dem erleuchteten Wasser zu schwimmen. Er würde jede Einzelheit ihres schönen Körpers betrachten und sie im Wasser lieben.

Jedoch weiß er, dass sie beim Tanz der Tinhae nicht die einzigen Jäger sind. Der große Mago Taniwha, wird seine dreieckige Flosse zeigen. Matawhā wird schmal und verschlagen zwischen den Felsen lauern. Stetig beobachtet von Morai, seiner hässlichen Schwester. Mewu kennt alle Götter des Wassers und hat sie gejagt. Und er hat ihnen Blut gezollt: Vor vielen Gezeiten haben ihm die Götter seinen großen Bruder genommen.

Er spürt sein Herz schlagen, Aufregung hat ihn angefallen wie ein wildes Tier. Nun kann er sie sehen. Zwei große Schatten schweben durch das ruhige Wasser. Er greift sein Pū Tao, legt es an und wartet auf den richtigen Moment. Konzentriert blickt er auf die Wasseroberfläche, in dieser Haltung erstarrt wie eine Statue. Dann ein kurzer heftiger Stoß, und Mewu schickt die Harpune seines Pū Tao auf die Reise. Die Haut der Manjuari ist hart und knochig. Die glänzenden Schuppen sind rauh wie Sandstein. Nur die Harpune des Pū Tao kann so viel Schwung und Härte aufbringen diese Rüstung zu zerbrechen.

An der langen Schnur, die zu seinen Füßen aufgerollt liegt, sind einige große, trockene Merengi befestigt. Sie werden die Schnur über Wasser halten und seine Position markieren. Zuletzt ist die Harpune an das Boot selbst angebunden. Der Manjuari wird in der Mitte seines Rückens getroffen. Sofort zieht er davon. Mewu betrachtet die Schnur, während sie sich abwickelt. Eine Merengi nach der anderen verschwindet mit einem Ruck über die Bordwand. Dann ist es soweit: Der Manjuari zieht das Boot durch die Lagune. Gischt wirbelt auf. Aber die Männer sind gut darauf vorbereitet, keiner verliert seinen Halt.

Die Dalloali aus den anderen Booten werden auf Mewus Treffer aufmerksam. Sie jubeln und versuchen ihnen zu folgen. Sie werden den Freunden helfen den Fisch zu bergen. Der Raubfisch ist riesig, fast so groß wie das Boot in dem Mewu und seine Freunde Wala, Liha und Temhu sitzen. Aber Mewu hat ihn gut getroffen, er wird nicht lange kämpfen können. Schon nach wenigen Minuten wird der Zug schwächer. Der Fisch beginnt zu taktieren, er spürt seine Kraft nachlassen. Er wird langsamer, hört auf, um dann kurz danach um so stärker zu ziehen. Mal schwimmt er in die eine Richtung, mal in die andere. Noch hofft er den lästigen Widersacher loszuwerden. Doch es dauert nicht lange, da werden die Bemühungen immer schwächer.

Mewu und Liha beginnen die Schnur einzuholen, dem Fisch weniger Raum zu lassen. Kräftig müssen sie sich gegen die Bordwand stützen, während sie ziehen. Der Manjuari muss riesig sein. Aber auch er wird seinen letzten Weg gehen müssen. Temhu schaut über die Bordwand ins Wasser. „Der Fisch kommt“, bedeutet er seinen Freunden. Nun können sie es auch sehen, der Riese ist schon knapp unter dem Wasserspiegel. Phenunka thei, der Feind ist geschlagen.

Die Freunde ziehen am Seil und spüren, dass der Riese ihnen nichts mehr entgegenzusetzen weiß. Sie haben gesiegt. Näher und näher an das kleine Boot können sie ihn bringen. Dann ist es soweit,Wala wirft eine Schlaufe um die Schwanzflosse des Manjuari. Nun sollten nur noch die anderen Männer näher kommen, damit Mewu ins Wasser springen und von unten nachschieben kann. Dies wird er aber nicht tun, so lange niemand auf herannahende Jäger achten kann. Es ist so schon mehr als gefährlich. Daher wird sein Anteil später auch das beste Stück des Fischs sein. Bereits nach kurzem Warten sind die restlichen Männer nahe und nehmen ihre Positionen ein. Hier schützt jeder jeden. Mit einem Kopfsprung springt Mewu in das Wasser. Ein blutiger Schleier hat sich um den Bauch des Manjuari gelegt. Er ist sehr gut getroffen.

Dann geschieht alles sehr schnell. Der Manjuari schießt wieder los, taucht tief und tiefer. Vom plötzlichen Ruck wird Wala über Bord gerissen. Er hat die Schlaufe nicht schnell genug losgelassen. Er planscht hektisch oberhalb von Mewu. Die Männer rufen ihm Warnungen zu, aber er ist zu sehr bemüht ins Boot zurückzugelangen. Er sieht nicht, dass die beiden Einbäume gegeneinander gedrückt werden. Mit einem Krachen verhaken sich die Ausleger ineinander. Wala gerät zwischen die beiden Wände und schreit vor Schmerzen. Mewu sieht seine Beine von unten zucken.

Er will auftauchen und sich wieder ins Boot schwingen, da sieht er den zweiten Schatten nahen. Im bleibt nur ein kurzer Moment um zu entscheiden. Ohne zu zögern nimmt er sein Feuersteinmesser und schwimmt auf die Boote zu. Kurzerhand ritzt er Walas Wade an. Sofort tritt Blut aus und sein Opfer beginnt panisch zu zappeln. Mewu lässt sich treiben und versucht sich nicht mehr zu bewegen. Erst jetzt merkt er, dass die Luft in seinen Lungen knapp wird. Bald wird er atmen müssen und sich bewegen – aber sich bewegen heißt sterben.

Der zweite Manjuari nähert sich. Es ist ein gigantisches Weibchen, dass sich in großen Kreisen vorsichtig herantastet. Scheinbar hat sie das Blut im Wasser noch nicht in einen Rausch versetzt. Aber da ist auch immer noch das Männchen, es zieht stark und verbissen an den Booten. Mewu sieht wie sie immer stärker abgetrieben werden. Immer kleiner wird seine Chance die Einbäume zu erreichen ohne die Aufmerksamkeit der Jägerin zu erregen. Fest hält er sein Feuersteinmesser. Er wird nicht sterben ohne sie zumindest zu verletzen: Für ihn wird sie einen Blutzoll zahlen müssen.

Doch dann wendet sich das Blatt. Der Manjuari beschließt umzukehren und zieht die Boote erneut mit sich. Im gleichen Moment greift die Jägerin an, bekommt Walas Bein zu fassen und reißt ihn hinab. Nur den Bruchteil einer Sekunde später schwimmt Mewu los, durchbricht die Wasseroberfläche, holt tief Luft und ergreift die Bordwand. Starke Hände helfen ihm an Bord, er liegt auf den Planken und atmet erschöpft.

Nie wird er Walas schmerzverzerrtes Gesicht vergessen, als dieser an ihm vorbei in die erleuchtete Tiefe gerissen wurde. Zum Dank für ihren Schutz wird Mewu den Ahnen heute Nacht die Leber des Manjuari als Opfer darbringen. Aber zuerst werden sie noch etwas warten und diesmal sicher gehen, dass der Riese wirklich aufgegeben hat.